Kognitive Dissonanz

Nachdem ich beim letzten Mal die Hosen runtergelassen und meine eigene Klimabilanz (ca. 7 t CO2 im Jahr) offenbart habe, sollte es nun heute darum gehen, Wege zur Reduzierung des eigenen ökologischen Fußabdrucks zu finden. Bevor wir uns dem widmen können, müssen wir jedoch erst noch eine Hürde aus dem Weg räumen, genauer gesagt eine psychologische Hürde (das wird nicht das letzte Mal sein, dass es hier um Psychologie geht – ich hoffe Ihr fühlt Euch wohl damit, ein wenig im eigenen Kopf herumzuwühlen).

Ist ganz schön hinterhältig von mir, erst große Heilsversprechen zu machen und dann mit dem Kleingedrucktem um die Ecke zu kommen. Aber das Thema nachhaltiger Lebensstil ist nun mal eng mit psychologischen (und sozialen) Aspekten verwoben: Motivation, Gewohnheiten und Gruppendruck („peer pressure“) prägen unser Verhalten, und damit letztendlich unseren ökologischen Fußabdruck.

Wenn das Verhalten nicht zu den eigenen Zielen passt

Mit dem Stichwort Motivation sind wir auch schon beim Thema kognitive Dissonanz angekommen. Dissonanzen kennt man vielleicht noch aus dem Musikunterricht (oder der eigenen Tochter, die zum ersten Mal Geige spielen übt), und sind ziemlich genau das Gegenteil von Harmonie. Das Stichwort kognitiv lässt erahnen, dass es hier irgendwie ums Denken geht.

Kennt Ihr das, wenn Ihr eine Dokumentation anguckt über die Abholzung des Regenwaldes/Öltankerkatastrophen/das Schmelzen der Polkappen/<hier Umweltkatastrophe deiner Wahl einfügen>, und man das Gefühl bekommt, dass man mit dem eigenen Handeln eh nichts bewirken kann? Oder wenn man einen Bericht liest, laut dem 100 Konzerne weltweit 71 % aller klimawirksamen Emissionen verursachen, und einen das Gefühl beschleicht, dass man selbst einfach mal überhaupt nichts dagegen ausrichten kann?

Oder eine andere Situation: Ihr habt beschlossen weniger Fleisch zu essen. Oder fahrt jetzt mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit. Ihr geht mit dem eigenen Trinkbecher zur Kaffeebar, statt Euch einen Einwegbecher geben zu lassen. Ihr fahrt zum Wandern nach Österreich in den Urlaub statt zum Schnorcheln auf die Malediven. Und da gibt es da immer diese Personen im Bekanntenkreis, die Euch darauf hinweisen, wie sinnlos Eure Entscheidung doch ist, vor allem aber inkonsequent – denn Euer ganzer restlicher Lebensstil ist ja immer noch total unnachhaltig und überhaupt nicht vorbildlich. Und das Schlimme ist, sie haben damit auch noch vollkommen Recht.

Was hat das Ganze nun mit Geige spielen zu tun?

Widersprüche aushalten

Nun, beides Mal geht es darum, etwas auszuhalten. Einmal muss die bemitleidenswerte Familie die schiefen Töne tolerieren, welche durch die unsachgemäße Anregung eines Saiteninstruments durch eine eifrige, jedoch ungeübte Musikantin-in-spe hervorgerufen werden. Wobei es hier jedoch geht, ist das Aushalten von widersprüchlichen Fakten, ohne dabei a) wahnsinnig zu werden oder b) aufzugeben.

Die Widersprüche sind überall: die meisten von uns wollen nicht, dass Frauen und Kinder für einen Hungerlohn schuften, gucken aber dann beim Klamottenkauf auch wieder nicht so genau hin, woher das T-Shirt denn nun genau kommt. Die wenigsten sind der Meinung, dass dem brasilianischen Regenwald ein „Brazilian Waxing“ gut stehen würde, und trotzdem kaufen sie Rindfleisch, Soja und andere Lebensmittel, für deren Herstellung möglicherweise ehemaliger Urwald in Ackerland umgewandelt wurde. Wir schimpfen auf die bösen Ölkonzerne und fahren zur Tankstelle. Wir meckern über die Automobilindustrie und kaufen ihre Autos. Wir jammern über die LKWs auf der Autobahn und bestellen bei Amazon.

All das tun wir nicht, weil wir dumm oder unwissend sind. Oftmals wissen wir genau, welche Folgen unser Handeln hat, aber wir tun (oder lassen) es trotzdem. Die Gründe dafür sind vielfältig: vielleicht denken, wir, dass ein einziges T-Shirt ja kaum einen Unterschied macht. Rindfleisch schmeckt uns einfach viel zu gut. Auf Grund unseres Jobs sind wir gezwungen, jeden Tag 50 km mit dem Auto zu pendeln. Und vielleicht gibt es genau das Produkt, das wir wollen, bei Amazon für den halben Preis.

Fakt ist, selbst wenn wir unbedingt wollen, haben wir es nicht immer in der Hand, unseren Lebensstil von heute auf morgen auf grün umzustellen. Wir haben finanzielle Einschränkungen, unsere Willenskraft ist begrenzt, unser soziales Umfeld erzeugt einen gewissen Druck auf uns, und außerdem sind wir umgeben von einer Flut von Reizen und Eindrücken, die uns dazu verleiten, uns alles andere als nachhaltig zu verhalten.

Wie also mit kognitiven Dissonanzen umgehen?

Das soll uns aber nicht dazu führen, dass wir die Flinte ins Korn werfen und alle Anstrengungen aufgeben. Stattdessen, finde ich, sollten wir einfach anerkennen, dass der Weg zum Ziel lang ist, und wir nur über begrenzte Ressourcen (Geld, Zeit, Willenskraft) verfügen. Daher müssen wir es aushalten, dass viele Bereiche in unserem Leben noch nicht so aussehen, wie wir es uns eigentlich wünschen.

Eine ganz entscheidende Fähigkeit dabei ist, wie ich finde, die Fähigkeit, sich selbst zu verarschen. Etwas weniger flapsiger ausgedrückt könnte man das ganze auch selektive Wahrnehmung nennen. Damit meine ich, dass man fest davon überzeugt sein muss, dass man mit seinen Handlungen etwas bewirken kann, während man gleichzeitig anerkennt, dass das eigene Handeln kein bisschen Einfluss auf das Schicksal unseres Planeten hat. Klingt ziemlich verwirrend, ich weiß.

Einfluss und Interesse

Der Knackpunkt liegt in der Auswahl der Themen. Überall dort, wo ich Einfluss nehmen kann, bin ich hoffnungslos optimistisch und setze alles daran, hier etwas zum Guten zu ändern (meine Ernährung, meine Fortbewegung, meine Wohnsituation, meine Freizeitgestaltung). Ich sage mir selbst, wie wichtig es ist, hier Fortschritte zu machen, nicht nur für die Umwelt, sondern auch für mich selbst. Denn oft ist nachhaltigeres Handeln auch gesünder für einen selbst, für die Menschen um einen herum und für die Geldbörse.

Überall dort, wo ich mit meinen Taten nichts ausrichten kann (z.B. was große Konzerne, Regierungen und andere Organisationen entscheiden und tun), akzeptiere ich meine Machtlosigkeit und verschwende keine weitere Energie darauf, mir darüber Sorgen zu machen. Wenn ich es eh nicht ändern kann, warum mich dann darüber aufregen? Wohlgemerkt möchte ich damit niemanden ermuntern, von Wahlen oder Demonstrationen fernzubleiben! Das befindet sich wiederum sehr wohl innerhalb der eigenen Einflusssphäre, und sollte daher rege genutzt werden. Nur sind die meisten von uns weder CEO noch Kanzler*In, daher hilft es reichlich wenig, sich den ganzen Tag darüber Gedanken zu machen, was ich an deren Stelle anders machen würde.

Steven Covey hat das Ganze in seinem Buch „Die 7 Wege zur Effektivität“ gut zusammengefasst. Darin schreibt er, dass für die meisten Leute der Interessensbereich größer ist als der Einflussbereich. Wenn man seine Energie primär auf den letzteren Bereich fokussiert, wird dieser mit der Zeit größer, und der eigene Einfluss steigt. Verwendet man jedoch viel Zeit und Anstrengung auf Dinge, die innerhalb des Interessensbereichs, aber außerhalb des Einflussbereichs liegen, dann werden die eigenen Möglichkeiten zur Einflussnahme weniger.

Ich finde dieses mentale Modell ziemlich hilfreich, um sich nicht an Dingen aufzureiben, die man nicht ändern kann. Man muss sich nicht täglich stundenlang drüber aufregen, dass das Klimapaket der Bundesregierung ein richtiger Schuss in den Ofen war. Es genügt, diese Tatsache anzuerkennen, man behält sie eh im Hinterkopf. Statt jammern und meckern sollte man sich stattdessen überlegen, ob und wie man darauf Einfluss nehmen kann. Und wenn man zu der Entscheidung kommt, dass es zunächst mal keine Möglichkeit gibt, dann sich auf Dinge fokussieren, bei denen man etwas bewegen kann.

Walk the Talk

Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich mich nicht an meinen eigenen Rat halte. Vor ca. drei Jahren war es bei mir besonders schlimm. Ich hatte gerade einige Bücher über den Klimawandel gelesen, und war felsenfest davon überzeugt, dass die Klimakatastrophe unbedingt sofort gestoppt werden müsse. Ich dachte fortwährend über die Thematik nach, und überlegte mir, was man dagegen tun könne. Dummerweise ging ich dabei nicht nur mir, sondern auch meinen besten Freunden auf den Keks. Während ich mich von ihnen im Auto mitnehmen ließ, schwadronierte ich darüber, wie schlecht doch Autofahren fürs Klima sei. Beim Einkaufen im Supermarkt referierte ich über regionale, saisonale Ernährung (während ich gedankenlos Bananen für mein Müsli in den Korb legte). Kurzum: ich war weder für mich selbst noch für die Leute um mich herum auszuhalten.

Abgesehen von der offensichtlichen Heuchelei ist das Problem bei der ganzen Sache, dass man nicht nur sich selbst, sondern auch allen anderen um sich herum unnötig die Laune verdirbt. Denn am Sachverhalt ändert sich nichts (der Klimawandel schreitet unbekümmert fort), wohl aber an der eigenen Zufriedenheit. Und die ist entscheidend, wenn man das mit dem Lebensstil ändern ernst meint. Niemand hält etwas lange durch, was einem auf Dauer keinen Spaß macht.

Dazu kommt der Abschreckungseffekt, oder positiv formuliert, der Vorbildeffekt. Selbst wenn ich nicht so heuchlerisch und blind für mein eigenes Verhalten gewesen wäre, und tatsächlich entsprechend meiner eigenen Vorstellungen 100 % ökologisch nachhaltig gelebt hätte – was hätte das bei den Menschen um mir herum hervorgerufen? Oder anders gefragt: wem eifert man lieber nach, jemand der einem erzählt wie beschissen man lebt, oder jemand, der sein eigenes Ding durchzieht, und dabei noch ziemlich zufrieden zu sein scheint?

Ich glaube, dass sich mehr Leute anstecken lassen, wenn man ruhig, aber bestimmt, seine Vorstellungen von einem nachhaltigen Leben in die Tat umsetzt – anstatt jedem dauernd auf die Nase zu binden, warum man selbst super-öko ist (oder noch schlimmer, warum der andere es nicht ist). Und ja, die gewisse Ironie, das auf einem Blog zu verkünden, ist mir nicht entgangen. Aber Ihr seid ja alle freiwillig hier, und könnt jederzeit das Browserfenster schließen 😉

Fazit

Um es also auf den Punkt zu bringen: zu einem nachhaltigeren Lebensstil gehört es, zu akzeptieren, dass man a) meist noch recht am Anfang eines langen Prozesses steht b) der eigene Einfluss reichlich beschränkt ist und c) man sich selbst und anderen einen Gefallen tut, wenn man sich damit abfindet. Die eigene Laune ist entscheidend, denn ein klimafreundlicher Lebensstil ist ein Marathon, und kein Sprint. Und andere holt man nur mit ins Boot, wenn man als ausgeglichenes Vorbild glänzen kann – und niemanden vorwurfsvoll anprangert.

BRS