Zero Waste

Jeden Tag, den wir Leben, produzieren wir Müll. Manches davon wird verbrannt, manches kompostiert, manches landet irgendwo in einem Entwicklungsland, wo dann kleine Kinder mit dem Feuerzeug versuchen, das letzte bisschen an wertvollen Metallen da rauszuholen, und manches wird rezykliert – so wird dann z.B. die alte PET-Flasche zum Fleece Pullover.

Über die Jahre hat unsere Müllproduktion immer weiter zugenommen. Spätestens, seit China (und viele andere asiatische Länder) sich weigert, unseren Plastikmüll zu verwerten, und wir jeden Tag von Müllteppichen im Pazifik lesen, ist das Problem in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Am effektivsten kann das Problem durch Müllvermeidung angegangen werden (die vereinfachte Faustformel der Abfallhierarchie lautet daher „reduce, reuse, recycle“ – dieser Blog erweitert sie noch um die beiden Schritte „refuse“ und „rethink“). Was erst gar nicht produziert wird, darüber muss sich später bei der Entsorgung auch niemand den Kopf zerbrechen.

Das haben sich Einige zu Herzen genommen, und beschlossen, ab sofort komplett (oder fast komplett) auf Abfall zu verzichten. Meist ist dieses Vorhaben angelegt auf einen bestimmten Zeitraum (z.B. ein Jahr), da sich zeigt, dass das ganze Unterfangen gar nicht so trivial ist. Hier hilft es, wenn man nach diesem Zeitraum des „Müllfastens“ zumindest wieder ein bisschen sündigen darf. Es berichten jedoch viele derjenigen, die einmal für eine bestimmte Zeit komplett auf Müll verzichtet haben, dass einige der neu angelernten Gewohnheiten auch nach der Fastenperiode erhalten bleiben.

Was ich mich an dieser Stelle frage:

  1. Ist es überhaupt möglich, überhaupt keinen Müll zu produzieren?
  2. Wieviel bringt es denn nun für die Umwelt, wenn man keinen Müll mehr produziert?
  3. Mit wie viel Aufwand ist ein Zero Waste Lebensstil verbunden, und ist dieser durch den Nutzen gerechtfertigt?

1. Ist Zero Waste möglich?

Beginnen wir mit der ersten Frage.
Die meiste Studien zeigen Leute die wenig, aber nicht keinen Müll produzieren. Aber wir wollen mal nicht päpstlicher sein als der Papst, und 99 % Müllreduktion ist besser als garnix verbessert, also genug gemeckert. Was ist jedoch mit indirektem Müll?

Zu diesem Zweck habe ich mal die aktuellste Statistik zum Thema Müllaufkommen aus dem Jahr 2017 rausgesucht, und mittels eines Sankey Diagramms die Zahlen darin visualisiert.

Your Diagram TitleBau- und Abbruch­abfälle → stoffliche Verwertung: 192,985 Mio tSiedlungsabfälle → stoffliche Verwertung: 34,783 Mio tAbfälle aus Gewinnung und Behandlung von Boden­schätzen → Ablagerung: 29,918 Mio tSekundärabfälle → stoffliche Verwertung: 29,352 Mio tÜbrige Abfälle (insbesondere aus Produktion und Gewerbe) → stoffliche Verwertung: 26,677 Mio tBau- und Abbruch­abfälle → Ablagerung: 24,825 Mio tSekundärabfälle → thermische Verwertung: 17,806 Mio tSiedlungsabfälle → thermische Verwertung: 15,946 Mio tÜbrige Abfälle (insbesondere aus Produktion und Gewerbe) → Ablagerung: 12,557 Mio tÜbrige Abfälle (insbesondere aus Produktion und Gewerbe) → thermische Verwertung: 12,320 Mio tSekundärabfälle → Ablagerung: 5,066 Mio tÜbrige Abfälle (insbesondere aus Produktion und Gewerbe) → thermische Beseitigung: 2,786 Mio tBau- und Abbruch­abfälle → thermische Verwertung: 1,574 Mio tÜbrige Abfälle (insbesondere aus Produktion und Gewerbe) → Behandlung zur Beseitigung: 1,454 Mio tAbfälle aus Gewinnung und Behandlung von Boden­schätzen → stoffliche Verwertung: 1,050 Mio tBau- und Abbruch­abfälle → Behandlung zur Beseitigung: 858 Mio tSekundärabfälle → Behandlung zur Beseitigung: 788 Mio tSiedlungsabfälle → Behandlung zur Beseitigung: 655 Mio tSekundärabfälle → thermische Beseitigung: 367 Mio tSiedlungsabfälle → thermische Beseitigung: 284 Mio tSiedlungsabfälle → Ablagerung: 123 Mio tAbfälle aus Gewinnung und Behandlung von Boden­schätzen → Behandlung zur Beseitigung: 33 Mio tBau- und Abbruch­abfälle → thermische Beseitigung: 24 Mio tAbfälle aus Gewinnung und Behandlung von Boden­schätzen → thermische Verwertung: 6 Mio tAbfälle aus Gewinnung und Behandlung von Boden­schätzen → thermische Beseitigung: 1 Mio tSiedlungsabfälle: 51,791 Mio tSiedlungsabfälle: 51,791 Mio tAblagerung: 72,489 Mio tAblagerung: 72,489 Mio tthermische Beseitigung: 3,462 Mio tthermische Beseitigung: 3,462 Mio tBehandlung zur Beseitigung: 3,788 Mio tBehandlung zur Beseitigung: 3,788 Mio tthermische Verwertung: 47,652 Mio tthermische Verwertung: 47,652 Mio tstoffliche Verwertung: 284,847 Mio tstoffliche Verwertung: 284,847 Mio tAbfälle aus Gewinnung und Behandlung von Boden­schätzen: 31,008 Mio tAbfälle aus Gewinnung und Behandlung von Boden­schätzen: 31,008 Mio tBau- und Abbruch­abfälle: 220,266 Mio tBau- und Abbruch­abfälle: 220,266 Mio tSekundärabfälle: 53,379 Mio tSekundärabfälle: 53,379 Mio tÜbrige Abfälle (insbesondere aus Produktion und Gewerbe): 55,794 Mio tÜbrige Abfälle (insbesondere aus Produktion und Gewerbe): 55,794 Mio t

Abfallbilanz für Deutschland im Jahr 2017. Die Werte stammen vom statistischen Bundesamt, die Grafik habe ich mittels SankeyMATIC erstellt. Tipp: wenn du die Maus auf einem Abfallstrom ruhen lässt, wird dir die genaue Menge dieses Stroms angezeigt.

Abfallaufkommen

Der größte Posten sind rund 220 Millionen Tonnen Bauschutt. Was kann ich hier tun, um Müll zu vermeiden? Nun, ganz einfach – nicht bauen. Wer kein Haus baut, produziert keinen Bauschutt. Da wir nicht wissen, welcher Anteil davon aus der Errichtung von Wohnbauten stammt, können wir nur schätzen, welche Menge Abfall dies einspart. Gehen wir davon aus, dass Wohnungen und Wohnhäuser ein Viertel des Bauschutts (ca. 50 Mio t) verursachen, dann kann jeder einzelne durch den Verzicht auf einen Neubau genauso viel Abfall vermeiden, wie er oder sie an Siedlungsabfall verursacht.
Dagegen spricht möglicherweise, dass alte Gebäude nicht so energieeffizient sind wie neue. Aber eine energetische Sanierung (die in vielen Fällen empfehlenswert ist – je schmutziger der Energieträger, desto wichtiger) erzeugt sicherlich weniger Abfall als ein Neubau. Und verschlingt dabei auch weniger Materialien in der Produktion.

Der zweitgrößte Posten sind Abfälle aus Produktion und Gewerbe. Hier hat man als einzelner wenig Einfluss – wenn dann nur indirekt. Durch reduzierten Konsum von Produkten „verantwortet“ man auch gleichzeitig weniger Produktionsabfall. Die Menge an Gewerbeabfall pro hergestellter Einheit wird sich vermutlich nur durch gesetzliche Vorgaben und ökonomische Anreize (z.B. höhere Rohmaterial- oder Entsorgungskosten) reduzieren lassen.

Der drittgrößte Posten, die Sekundärabfälle, beschreiben diejenigen Abfälle, die im Abfallentsorgungssystem anfallen. Es ist zu erwarten, dass diese proportional zum Primärabfallaufkommen zu- bzw. abnehmen.

Nun schließlich, an vierter Stelle, kommen die Siedlungsabfälle – also alles, was bei uns vor der Tür abgeholt wird. Hier setzt der klassische Zero Waste Ansatz an, und es wird versucht, diesen Mengenstrom auf Null zu reduzieren. Würden dies alle Menschen in Deutschland umsetzen, hätten wir das gesamte Müllaufkommen gerade mal um etwa ein Achtel reduziert (von 412,238 Mio t auf 360,449 Mi t).

An letzter Stelle kommen die Abfälle aus der Gewinnung und Behandlung von Bodenschätzen. Hier gilt ähnliches wie für den Gewerbeabfall, wobei ich vermute, dass hier weniger Spielraum nach unten ist. Wer Bodenschätze gewinnen möchte, muss nun einmal Erde bewegen – und das nicht zu knapp. Da helfen vermutlich auch Gesetze und Preissignale relativ wenig (außer dahingehend, dass der Bergbau in Deutschland weiter zurückgehen wird/würde).

Abfallverbleib

Sehen wir uns nun einmal die rechte Seite des Diagramms an. Ablagerung bedeutet, das Zeug wird irgendwo hingekippt und bleibt dann erstmal dort – tendenziell nicht so gut. Im Fall von Abraum aus dem Bergbau oder der Bauwirtschaft kann das aber auch einen Haufen Steine bedeuten, also nicht unbedingt die klassische Müllkippe, wie sie vor dem geistigen Auge nun entstehen mag.

Stoffliche Verwertung bedeutet, das Material wird wiederverwendet und erfüllt dort eine Funktion (die über die Funktion „Platz wegnehmen“ hinausgeht). Also das klassische Recycling, wie es die meisten von uns kennen. Dazu gehört allerdings auch die Verwendung als Füllstoff im Straßenbau, was den hohen Anteil der stofflichen Verwertung bei den Bauabfällen erklärt.

Bei der thermischen Beseitigung werden Abfälle verbrannt, ohne dass die thermische Energie in irgendeiner Form genutzt wird. Bei der thermischen Verwertung hingegen wird die thermische Energie zur Stromerzeugung genutzt, sie ist dementsprechend grundsätzlich der thermischen Beseitigung vorzuziehen. In beiden Fällen werden jedoch potenziell nützliche materielle Ressourcen vernichtet – vor allem, weil sie schwer voneinander zu trennen sind (zumindest zu akzeptablen Kosten).

Schließlich gibt es noch den Eintrag mit der kryptischen Bezeichnung „Behandlung zur Beseitigung“. Das statistische Bundesamt erklärt diesen Begriff folgendermaßen:

Physikalische, thermische, chemische oder biologische Verfahren, die die Beschaffenheit der Abfälle verändern, um ihr Volumen oder ihre gefährlichen Eigenschaften zu verringern oder ihre Handhabung zu erleichtern. Die entstehenden Abfälle können mit einem Beseitigungsverfahren entsorgt werden.

Statistisches Bundesamt

Die Abfälle werden also im Anschluss in irgendeiner Form beseitigt, nicht jedoch verwertet. Es bleibt die Hierarchie: Verwertung ist besser als Beseitigung, stofflich ist besser als thermisch. Noch besser ist nur Wiederverwendung (des gesamten Produkts, ohne es zu schreddern), und am besten ist der komplette Verzicht bzw. die Vermeidung.

Fazit zu Frage 1

Es ist kurz- und mittelfristig nicht möglich, ein Leben zu führen, bei dem man überhaupt keinen Müll produziert. Während die direkte Müllerzeugung zwar auf nahezu Null runtergefahren werden kann, erzeugen Bergbau, Industrie und Gewerbe weiter munter Abfall, um uns mit den Annehmlichkeiten des täglichen Lebens zu versorgen. Dieser indirekte Müll wird zwar weniger, je weniger wir konsumieren, aber auf absehbare Zeit ist hier kein Zero Waste zu erwarten. Einen großen Einfluss haben wir mit der Entscheidung, ob wir ein Haus bauen (bzw. einen Wohnungsneubau beziehen) oder stattdessen in einen Altbau ziehen.

Natürlich gilt hier die Ausnahme (quasi der Öko-Joker, wie für viele Umweltprobleme) des Selbstversorger-Eremiten: wer wie ein Jäger-und-Sammler Urzeitmensch von vor 10.000 Jahren lebt, und mit dem auskommt, was die Natur einem direkt anbietet (ohne zwischengeschaltete Industrie), der produziert keinen Müll – sondern nur Nährstoffe für andere Lebewesen. Das ist übrigens genau die Philosophie von „cradle to cradle“ und des Kreislaufwirtschaftgedankens („Circular Economy“) – doch dazu in einem anderen Artikel mehr.

Für die allermeisten von uns gilt jedoch, dass wir uns schon sehr an beheizte Wohnungen, Antibiotika, Essen ohne Feldarbeit, Bahn fahren, warme Schuhe, Internet, Bildungsyssteme, Brillen und Trinkwasser aus der Leitung gewöhnt haben, und diese netten Annehmlichkeiten nicht ohne weiteres aufgeben wollen. Zero Waste also erstmal nicht, vielleicht nur „Zero Direct Waste“.

2. Was bringt Zero Waste?

Der erste Vorteil der Müllvermeidung liegt auf der Hand – ich produziere weniger Abfall, der entsorgt, getrennt und dann verbrannt, rezykliert oder deponiert werden muss, und somit auch alle Emissionen und Ressourcen, die dadurch entstehen bzw. benötigt werden. Wieviel das insgesamt in Deutschland ausmacht, haben wir bereits gesehen. Ich habe nachfolgend dazu die Grafik herausgesucht, in der die Haushaltsabfälle pro Kopf dargestellt und in weitere Unterkategorien aufgeteilt sind.

Abfallbilanz für Deutschland, 2017
Zusammensetzung der Haushaltsabfälle in Deutschland im Jahr 2017 [Statistisches Bundesamt]

Das ist ganz schön viel. Um das mal zu veranschaulichen: gehen wir von einer Dichte von 150 kg/m³ Müll aus, und multiplizieren das mit 83,1 Millionen Einwohnern, dann sind das 255,9 Millionen Kubikmeter Hausmüll in Deutschland – jedes Jahr. Das ist ein Würfel mit 635 m Kantenlänge. Oder anders gesagt: damit könnte man das gesamte Gebiet der Stadt Braunschweig (mein Wohnort) mit einer 1,33 m hohen Schicht von Müll bedecken.

1,33 m Abfallhöhe in Braunschweig
Da werden die Anwohner aber jammern – noch weniger Parkplätze

Und das ist nur der Hausmüll, der wie gesagt nur ein Achtel des gesamten anfallenden Mülls ausmacht. Nehmen wir noch Abfälle aus Gewinnung und Behandlung von Bodenschätzen, Bau- und Abbruchabfälle, Sekundärabfälle (Abfälle aus der Abfallbehandlung) sowie die Abfälle aus Produktion und Gewerbe hinzu, dann reicht der Müll aus, Braunschweig mit einer gut zehn Meter dicken Schicht zu bedecken.

Über Parkplätze dürfte sich nun niemand mehr Gedanken machen – außer die Helikopter-Pendler unter uns

(Natürlich hat Bauschutt eine viel höhere Dichte als Siedlungsabfall, und der Müll ganz unten würde komprimiert, so dass die Gesamthöhe letztlich deutlich weniger als zehn Meter wäre. Dafür habe ich aber auch keinen Müll auf den Dächern abgelegt. Außerdem habe ich diese Abbildung nun schon gebastelt, also basta).

So könnten wir munter weiter machen, Jahr für Jahr, bis jede mittelgroße Stadt in Deutschland mit Müll bedeckt ist. Und dann fahren wir fort mit den kleinen Städten, und schließlich den großen Städten. Wir könnten online abstimmen lassen, welche Stadt als nächstes dran ist. Wo wurden die unpopulärsten Wahlergebnisse erzielt? Wo kommen die unbeliebtesten Menschen her? Wo droht sowieso in naher Zukunft der Verkehrskollaps? Hin dort mit dem Müll, und alle Sorgen sind begraben!

Abfall und Umwelt

Nun haben wir ja zum Glück Abfallsammel- und -entsorgungssysteme, aber die erzeugen dafür auch Emissionen – ca. 33 kg CO2-Äquivalente pro Tonne Abfall, laut einer Studie aus dem Jahr 2010. Für Deutschland wohlgemerkt – in England sind es 176 kg, dank eines viel größeren Anteils an Abfall, der auf Müllkippen landet (und dort munter Methan und Lachgas produziert). Umgerechnet sind das etwa 15 kg CO2-Äquivalente, die durch den Hausmüll eines jeden von uns jährlich produziert werden. Nicht umwerfend viel – das ist die gleiche Menge, die ein sparsames Auto über eine Strecke von 100 km ausstößt.

Das heißt also: da wir in Deutschland kaum Hausmüll deponieren, sind die Auswirkungen aufs Klima überschaubar. In Ländern mit mehr Mülldeponien sind die Klimawirkungen hingegen um ein vielfaches höher.

Dann gibt es ja auch noch das Thema Mikroplastik. Wie viel trägt unser Müll dazu bei? Nicht besonders viel, wie die nachfolgende Grafik zeigt.

Herkunft von Mikroplastik im Ozean
Herkunft von Mikroplastik im Ozean [Boucher & Friot 2017]

Der Umstieg auf Baumwollklamotten und der Verzicht aufs Auto scheint hier deutlich mehr zu bringen, als ab sofort keine Plastikverpackungen zu produzieren. Beim städtischen Staub kann sich natürlich ein wenig Abfall eingeschlichen haben, hier ist die Beschreibung im Bericht nicht so präzise (was ist z.B. genau „household dust“?). Insgesamt aber scheint Plastikverpackungsmüll hier keine Rolle zu spielen.

Abfall und Geld

Was ergeben sich für finanzielle Vorteile aus dem Müllverzicht? Wer keinen Müll mehr produziert, benötigt auch keine Mülltonne mehr. Ich habe einmal die Abfallgebühren für meinen Wohnort Braunschweig nachgeschlagen. Bei 462 kg Haushaltsmüll pro Kopf pro Jahr und einer angenommenen Dichte von 150 kg/m³ reicht eine 120 l Abfalltonne bei zweiwöchiger Leerung genau aus, um den von mir produzierten Abfall aufzunehmen. Wenn ich diese nicht mehr benötige, spare ich mir 16,31 € im Monat, oder 195,32 € im Jahr.

Was noch relativ einfach umzusetzen ist, wenn man in einem Einfamilienhaus wohnt, wird etwas schwieriger, wenn man sich die Abfalltonnen mit anderen Hausbewohnern teilt. Egal ob zur Miete oder Eigentümer, in beiden Fällen müssen andere überzeugt werden, dass man sich nicht mehr an den Abfallgebühren beteiligen möchte. Solang einen die Nachbarn nicht dabei erwischen, dass man nicht doch heimlich nachts Dinge in die gemeinsamen Abfallbehälter entsorgt, sollte das aber kein unmögliches Hindernis sein.

Noch größer schätze ich den finanziellen Vorteil durch das veränderte Konsumverhalten ein. Wer keinen Müll mehr produzieren möchte, muss seinen gesamten Konsum überdenken. Dabei wird man bei einigen Dingen feststellen, dass man sie vielleicht gar nicht so dringend braucht (z.B. Küchenrolle) und sie auch gut durch Mehrwegprodukte (z.B. Stofftuch) ersetzen kann. Und manche Dinge die man schon hat, möchte man vielleicht auch loswerden – z.B. indem man sie in die Stuff Cloud hochlädt.

Fazit zu Frage 2

Dank unserer Abfallentsorgungs- und Verwertungssysteme ist Braunschweig nicht unter 10 m Abfall begraben. Die Folgen für das Klima durch den Müllverzicht sind in Deutschland erstaunlich gering, in Ländern mit mehr Mülldeponien aber deutlich stärker spürbar. Wer Mikroplastik vermeiden möchte, sollte auf synthetische Textilien und aufs Autofahren verzichten. Kohle spart man durch einen Zero Waste Lebensstil auf Grund vermiedener Abfallentsorgungsgebühren, aber vor allem durch Konsumverzicht.

3. Wie groß ist der Aufwand?

Hier betrachten wir drei verschiedene Arten von Aufwand: Zeit, Geld und mentale Energie. Die ersten beiden Begriffe dürften relativ klar sein, der letzte beschreibt die Willenskraft, die ich benötige, um neue Gewohnheiten zu prägen und mich Versuchungen zu widersetzen. Alle drei stellen Ressourcen dar, das heißt sie sind in begrenzter Form vorhanden und sollten daher zielgerichtet eingesetzt werden. Um festzustellen, ob ein Zero Waste Lifestyle erstrebenswert ist, sollten wir dem eben ermittelten (ökologischen und ökonomischen) Nutzen einen zeitlichen Aufwand gegenüberstellen.

Zeitlicher Aufwand

Wer keinen Abfall produziert, verbringt weniger Zeit damit, den Müll runter zu bringen. Und sonst noch? Das Einkaufen dauert möglicherweise länger, weil der nächste Unverpackt-Laden nicht um die nächste Ecke gelegen ist. Generell muss ich ein wenig mehr Zeit in die Recherche nach Produkten investieren, die verpackungsfrei geliefert werden. Eventuell stecke ich ein wenig Zeit in den Bau eines eigenen Komposts, oder ich bringe meine Lebensmittel zu einem Foodsharing Container, bevor sie schlecht werden. Wenn wir nochmal zum Bauschutt zurückkommen, dann sparen wir auf jeden Fall eine Menge Zeit dadurch, dass wir kein neues Haus bauen (die Zeit können wir natürlich bestens in die Sanierung eines Hauses oder einer Wohnung investieren).

Wenn Zero Waste aber auch weniger Konsum bedeutet, dann verschwende ich vermutlich viel weniger Zeit mit Shopping und Bummeln, weil ich mich erst gar nicht der Versuchung aussetzen möchte, etwas Unnötiges zu kaufen. Daher wird man als Nullsummenkonsument mit der Zeit vermutlich ziemlich zeiteffizient, was die Beschaffung von Dingen des Alltags betrifft.

Finanzieller Aufwand

Unverpackt Läden sind leider noch ziemlich teuer im Vergleich zum Supermarkt, gleiches gilt für den Wochenmarkt. Selber kochen kann trotzdem günstiger sein, wenn man in großen Mengen kocht und günstige Lebensmittel (z.B. Gemüse, Kartoffeln etc.) verwendet. Für alle anderen Produkte sind die finanziellen Folgen nur schwer zu quantifizieren. Konsumverzicht schlägt sich auf jeden Fall positiv in der Haushaltskasse nieder. Ganz oben auf der Liste steht aber wieder der Hausbau – wer ihn nicht tätigt, der spart ordentlich Zaster – sagt zumindest Gerd Kommer.

Mentaler Aufwand

Gewohnheiten umstellen kostet Willenskraft – zumindest so lange, bis sie irgendwann so automatisch passieren. Da diese Kapazitäten begrenzt sind, sollten sie sinnvoll eingesetzt werden.

Wie die Erfahrungsberichte der Zero Waste Pioniere zeigen, reichen die Maßnahmen zur Umsetzung eines müllfreien Lebensstils von easy umsetzbar bis massive Umstellung. Im Supermarkt auf die Plastiktüte für das Gemüse zu verzichten sollte kein Problem sein, selbst Deo und Seife herzustellen ist da schon ein anderer Kaliber. Auf Amazon Lieferungen zu verzichten dürfte vielen auch nicht so leicht fallen. Insgesamt dürften 90 % der Geschäfte von Vorneherein für den Einkauf wegfallen, da sie nicht mit dem Zero Waste Prinzip vereinbar sind.

Wir wir schon gesehen haben, sind die Folgen für das Klima durch den Müllverzicht (in Deutschland) überschaubar. Deutlich mehr bringt hier der Verzicht aufs Fleisch (vor allem Rind, Kalb, Lamm), aufs Autofahren, aufs Fliegen und auf eine überdimensionierte Wohnung. Wenn man annimmt, dass die Umstellung auf eine vegetarische (oder sogar vegane) Ernährung ähnlich gravierende Umstellungen der eigenene Gewohnheiten mit sich bringt wie der müllfreie Lebensstil, dann sollte man sich aus Sicht des Klimas auf jeden Fall für den Fleischverzicht entscheiden. Gleiches gilt für die Abschaffung des eigenen Autos, den Flugverzicht und den Umzug in eine kleinere Wohnung.

Trotzdem, auf Grund der Sekundäreffekte durch den wahrscheinlich eintretenden Konsumverzicht, sollte man das Thema nicht ad acta legen. Stattdessen plädiere ich dafür, überall dort, wo man mit nur geringen Gewohnheitsänderungen viel erreichen kann, auf jeden Fall weniger Abfallerzeugung anzustreben. Besonders wichtig sind darüber hinaus bedeutungsvolle, einzelne Entscheidungen (genau, der Hausbau).

Fazit

Zero Waste ist für die/den Einzelnen praktisch unmöglich. Den Hausabfall auf 0 runter zu bekommen ist zwar machbar, aber mit viel Aufwand verbunden. Gleichzeitig ist die Bedeutung des Abfalls für das Klima eher gering, und auch Mikroplastik kommt eher aus Textilien und Autoreifen als aus Plastikverpackungen. Andere Maßnahmen wie Fleisch- oder Autoverzicht haben im Vergleich einen deutlich größeren Umwelthebel. Viel mehr als die Abfallvermeidung selbst bringt vermutlich der Konsumverzicht, der häufig damit einhergeht. Wer im großen Stil Müll vermeiden möchte, wohnt in einer kleinen, energetisch sanierten Wohnung, statt ein neues Haus zu bauen, und spart dadurch jede Menge Bauschutt und -abfall ein.

BRS